DAS LAGUIOLE

Vom Hirtenwerkzeug zum Must-have – kein Zweifel, das Laguiole hat eine steile Karriere hingelegt. Doch auch wenn es gerade in aller Hände ist, gibt uns das Messer Rätsel auf.

Laguiole_tit_1Französische Politiker verschenken sie auf Staatsbesuch, Sommeliers öffnen damit feierlich die vorzüglichsten Jahrgänge, Modeschöpfer entwerfen Sondermodelle und in den Sterne-Restaurants gehören sie zum noblen Steak wie Romeo zu Julia. Laguiole-Messer haben internationalen Kultstatus erlangt, so viel ist klar. Doch trotz des großen Bekanntheitsgrads, richtig viel darüber wissen tun dann doch die wenigsten. Zugegeben, es ist auch ein bisschen verwirrend mit diesen Messern. Los geht es ja schon beim Namen, denn was ist „Laguiole“ überhaupt? Die Marke? Die Schmiede? Der Ort? Und ist überall, wo „Laguiole“ draufsteht, auch wirklich französisches Handwerk drin?

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Wann ist ein Laguiole ein Laguiole?
Zum einen ist Laguiole der Name eines kleinen Dorfes mit ca. 1200 Einwohnern in Frankreich, das dem ein oder anderen auch aufgrund seines Käses geläufig sein könnte, zum anderen der Begriff für eine schlanke, edle Messerform. Und Letzteres ist schließlich der Grund dafür, dass der Begriff „Laguiole“ nicht geschützt werden kann, was den Markt für Laien, die auf der Suche nach diesen  handgeschmiedeten Gebrauchskunstwerken sind besonders unübersichtlich macht. Grundsätzlich von Original oder Fälschung zu sprechen, ist also völlig unmöglich. Allein in Frankreich existieren über 130 Unternehmen, die Messer und andere Produkte unter der Bezeichnung „Laguiole“ fertigen, die meisten der angebotenen Laguioles, also etwa 80%, stammen allerdings aus dem fernen Ausland. Maschinell gefertigt und von minderer Qualität, wird diese Massenware als „Original Laguiole“ in den Handel gebracht, gegebenenfalls sogar unter dem extrem französisch klingenden Namen einer frei erfundenen Messerschmiede, ergänzt durch ein rechtlich unbedeutendes „Zertifikat“. Mit traditionellem französischem Handwerk haben diese Erzeugnisse leider nichts mehr gemein.

Die Geburt einer legendären Klinge
Eine Geschichte ist die, daß der Erfinder des Laguiole-Messer-Archetypus der Schmied und Tüftler Pierre-Jean Calmel aus – wie könnte es anders sein – dem bereits erwähnten Ort Laguiole (sprich „Layoll“), sei. In dem Gebiet Aveyron, Landkreis Rodez war es schon immer üblich, dass vor allem Bauern und Hirten ein Messer mit sich trugen, welches ihnen bei der Arbeit als Allzweckwerkzeug diente und zugleich auch Waffe und Statussymbol war. Inspiriert von einem katalonischen Klappmesser „Navaja“, welches die Landarbeiter aus dem nahe gelegenen Spanien mitbrachten, setzte sich Calmel zum Ziel, das in seiner Region verbreitete Capuchadou, ein dolchartiges Messer mit schlankem Griff und fester Klinge, durch ein klappbares Modell zu ersetzen. Doch diese Geschichte wäre zu einfach, denn der junge Schmied wäre um 1828 gerade mal 16 Jahre.

sw_laguiole_zeichnung1829 gelang es ihm, ein solches zu fertigen, und zwar mit einrastender Klinge und Griffschalen aus Horn – das war die Geburtsstunde des Laguiole. Das Neue an seiner Erfindung war der Klapp- oder Faltmechanismus. Das praktische Werkzeug wurde ein voller Erfolg, die Nachfrage wuchs und immer mehr Schmieden, die vor allem rund um die etwas nördlicher gelegene Stadt Thiers angesiedelt waren, nahmen seine Herstellung auf. In den darauf folgenden Jahren wurde es den unterschiedlichen Bedürfnissen angepasst und verfeinert. Auf Wunsch der Viehzüchter und Sattler gab es beispielsweise eine Variante mit Dorn. die “trois piéces”, Dreiteiler wurden erst wesentlich später gefertigt.

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Für die nach Paris ziehenden „Brasseurs“ und „Restaurateurs“ wurden Sommelierbestecke angeboten. Es war also längst nicht nur mehr ein Messer für die Landbevölkerung. Bereits 1880 hatte das Laguiole seinen Vorgänger endgültig abgelöst. Neue, edle Materialien wie exotische Hölzer oder Elfenbein und feine Ziselierungen und Ornamente trugen dazu bei, dass das begehrte Schmiedewerk bald zum Prestige- und Sammlerobjekt wurde, und zwar weit über die Auvergne hinaus.

laguiole_korkenzieherEcht oder nicht echt.
Für einen Leien ist es nicht einfach ein Messer aus der Region Laguiole zu bestimmen. Viele Verkäufer und Hersteller vertreiben unter diesem Namen Ihre Produkte. Nicht einmal die die traditionelle Biene oder Fliege ist ein Garant für die Echtheit. Verschiedene Stahlsorten können auf eine Qualität hinweisen aber die Echtheit nicht festlegen. So wird bei den neueren und teureren Modellen 12C27 Stahl aber auch 440er Stahl verwendet. Wenn sie aber ein altes historisches Modell finden oder zuhause haben, ist dies auch nicht unbedingt ein Merkmal, denn die bei historischen Modellen wurden durchaus andere Metalle verwendet.

lagnuiole_kaeseBild: Philippe Starck, Käsemesser,” JO JO LONGLEGS”, Forge de Laguiole

Echtheitsmerkmale: Neben der renommierten Schmiede Laguiole en Aubrac gibt es in Frankreich noch zwei, die mit ihrem Namen und ihren Produkten für Authentizität, Tradition, Qualität und Garantie stehen: Fontenille Pataud und das erst 1988 gegründete Unternehmen Forge de Laguiole (die Firma wurde seit dem mehrfach verkauft und gehört jetzt Schweizer Investoren). Darüber hinaus gibt es zahlreiche ganz kleine Schmieden oder Ein-Mann-Betriebe, die ebenfalls exzellente Arbeit leisten. Letztendlich ist es eine Frage des Geschmacks, für welchen Hersteller man sich entscheidet. Generell sollte man beim Kauf eines Laguiole-Messers jedoch auf folgende Kriterien achten:

Die Schmiede
Ganz wichtig: Prüfen Sie die Existenz der Schmiede! Nehmen Sie im Zweifel direkt Kontakt mit ihr auf, denn hinter vielen verheißungsvollen Namen verbirgt sich minderwertige Fließbandware.

Das Logo der Schmiede
Grundsätzlich befindet sich der Name auf der Klinge, und zwar in gestanzter oder geprägter Form, nicht aber gelasert oder gedruckt. „Laguiole“ allein reicht hier nicht aus, es muss zusätzlich das Logo zu sehen sein, im Fall von Laguiole en Aubrac ist es der Stierkopf. (Bei Damaszener Klingen will man das Muster nicht zerstören, deshalb kommt das Logo auf den Klingenhals.)

Laguiole_markenBild: Messer rechts ist das Logo Forge de Laguiole aufgedruckt, dieses Messer haben wir als echt in einem renomierten Küchen-Fachgeschäft für 80,- Euro gekauft?, links geprägt ist von einem Messer-Fachhändler für 179,- Euro.

Die Biene, Fliege, Muschel, Kreuz
Die Biene oder Fliege sollte nicht aufgelötet sein sondern mit dem Ressort in einem Stück sein. Im Bild sehen wir, das die mittlere Biene aufgesetzt ist und somit eine billig Produktion, evtl. nicht aus Frankreich.

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Das LOG-Siegel
Besonders vertrauenswürdig sind Messer, die zusätzlich das LOG-Logo auf der Klinge tragen. Der Verband „Association de Défense du Laguiole Origine Garantie“ vergibt dieses Siegel (LOG = Laguiole Origine Garantie) nur an Produkte, die nachweislich und ausschließlich in der Ursprungszone des Laguiole, dem Aubrac, per Hand gefertigt wurden.

Die Herkunftsgarantie des Händlers
Achten Sie auf eine Herkunftsgarantie vom Verkäufer in Form einer rechtlich bindenden Erklärung auf der Rechnung, die besagt, dass das Messer vollständig von der Schmiede selbst in Frankreich handgefertigt wurde. Weitere „Papiere“ und Zertifikate sind keine ausreichende Garantie, da sie sehr einfach gefälscht werden können.

Alte Laguiole von 1850 bis 1900 haben volgende Merkmale
- eine Yatagan-Klinge und ein gebogener Griff aus Horn, meist von den Aubrac-Rindern
- die Fliege, Biene oder “mouche” ist linsenförmig
- das Resort ist glatt und selten verziert
- und sollten es aus einer Schmiede von Laguiole sein ist es “plein manche” das heißt der Griff hat keine Metallbacken and den Griffenden, die konnte man nur in Thiers fertigen.

Die Klinge
Die frühen Klingen waren aus Karbonstahl, dieser war schnitthaltig, leicht schärfbar aber rostanfällig. Anschließend wurde die Klinge aus A440 geschmiedet, dieser Stahl war schnitthaltig, nicht rostetnd aber schwierig zu schärften. Die Neuen Laguiole-Messer bestehen aus 12C27 Stahl oder Damaststahl, dieser vereint Schnitthaltigkeit, Härte und ist leicht zu schärfen. Zudem hat er eine starke Widerstandsfähigeit gegen Rost. Nur bei Steak-, Tafel- und Küchenmessern wird anderer Stahl verarbeitet. Vorsicht ist auch geboten bei Steakmessern mit Wellenschliff.
Ein weiteres Echtheitszertifikat ist, dass bei geöffneter Stellung die Klinge nicht im Heftrücken wackelt, sondern fest eingearbeitet ist.

Laguiole_stahlDer Preis
Qualität hat seinen Preis – das gilt natürlich auch bei Laguiole-Messern. Werden Sie hellhörig bei sogenannten Schnäppchen. Auch zusätzlich angebotene Artikel dieses Namens wie Feuerzeuge oder Aschenbecher sind ein klares Indiz für eine Herkunft aus Fernost und würden niemals von einer traditionellen Schmiede gefertigt werden.

 

Noch ein wenig Tam Tam drumherum.

Von Bienen, Fliegen und anderen Geschichten
Was einige Laguiole-Messer ziert, das ist die Biene oder Fliege auf dem Messerrücken. Nach wie vor streiten sich hier die Experten, um welches Tier es sich nun tatsächlich handelt. Einer Legende nach war es Napoleon I., der den Bewohnern der Auvergne das Recht verlieh, aus Dankbarkeit für den Mut der Soldaten während der Feldzüge ihre Messer mit seinem Wappentier, also der Biene, zu verzieren. Wacker hält sich allerdings auch eine andere Geschichte, derzufolge Napoleon III. die Biene als Pflichtverzierung angeordnet hat.
Für die Fliege spricht wiederum die Tatsache, dass das früher zum Entriegeln der Klinge notwendige Dreieck in der Fachsprache der Schmiede „mouche“ hieß, was zugleich das französische Wort für „Fliege“ ist. Heute dient dieses Element rein der Zierde, alternativ kann an dieser Stelle übrigens auch etwas anderes sein, zum Beispiel eine Jakobsmuschel oder ein Kleeblatt. Auch solche Symbole haben Tradition.

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Das Hirten oder Schäferkreuz
Ein weiteres Überbleibsel aus dem 19. Jahrhundert und typisches Merkmal eines Laguiole ist das „Hirten- oder Schäferkreuz“ aus feinen Messingstiften auf einer Seite des Hefts. Als die Hirten damals mit ihren Tieren in der Abgeschiedenheit der Hochebenen unterwegs waren, stachen sie die Messerklinge ins Brot oder was wir nicht so wahrscheinlich finden in den Boden, um so vor ihrem Kreuz zu beten. So zumindest die Überlieferung. 18 verschiedene Formen religiöser Verzierungen sind bekannt, unter anderem das christliche Kreuz, das symmetrische Kreuz, die Rosette und der Rosenkranz. Aber auch dies ist kein muss auf jedem Messer.

Und vielleicht sind es ja nicht nur die erstklassige Qualität und das stolze Aussehen, sondern auch genau dieser Hauch des Sagenumwobenen und Geheimnisvollen, der ein Laguiole zu viel mehr als einem Schneidewerkzeug macht. Für den Franzosen ist dieses fabelhafte Messer ein „Muss“. Der erste Sohn bekam es zu seiner Komunion überreicht.

Für einige ist es ein Statussymbol für viele ein Messer mit Geschichte und für jeden anderen ist einfach ein schönes Messer mit einer guten Klinge.

TN

 

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