Herrliche Pubertät!

 

Zwei bis drei Brezen, 300g Aufschnitt, drei Becher Joghurt, zwei Bananen, Spaghetti bolognese, ein Krapfen, zwei Nusshörnchen, 350 g Steak, gemischter Salat, eine Tüte Chips und eine Tüte Gummibärchen. Das ist nicht etwa der Wochenend-Einkaufszettel für eine dreiköpfigen Familie, das ist die übliche Tagesration eines blitzschnell in die Höhe schießenden, klapperdürren 14-jährigen Pubertisten. Kaum ist der Teller des Mittagessens in der Spülmaschine verschwunden, schleicht der pubertierende Spargeltarzan nervös in der Küche umher, er murmelt schwach, er habe Hunger, und macht sich über die Obstschale her, entschwindet dann wieder leise. Nach einer Stunde exzessivem Musikhören mit Kopfhörer schleppt sich der Jüngling erneut in Richtung Kühlschrank, ein nicht zu unterschätzender etwaiger Unterzucker muss dringend mit mehreren Fruchtjogurts ins Gleichgewicht gebracht werden. Beim anschließenden zweistündigen Handballtraining wird der heranwachsende Körper nun fast an seine Grenzen gebracht, die Flüssigkeitszufuhr erfolgt in Liter-Schritten, der Dehydrierung nach dem Spiel ist er daher knapp entkommen. Die Heimfahrt auf dem Fahrrad ist nur mit der Aussicht auf eine ordentliche Abendmahlzeit zu ertragen. Das 350g-Steak liegt noch roh neben der Pfanne, eine unerwartete Verzögerung der Kalorienzufuhr, die aber rasch mit den bereits aufgeschnittenen Paprikastreifen und Tomaten für den Salat, verkürzt wird. Das Steak liegt dann nicht lange auf dem Teller, auf den Verzehr des Knochens wurde überraschenderweise doch verzichtet. Das Dessert, in Form einer liebevoll im Wasserbad gerührten Vanillecreme rutscht ungehindert in die Tiefen des jugendlichen Magens hinterher, der Kommentar “lecker, aber wenig” stimmt die Versorgerin namens Mutter doch fröhlich. Das Betthupferl wird in Form einer Tüte Chips, “Salt and Vinegar” und einer heißen Schokolade zu sich genommen. Die Ernährerin und der Ernährer dieses jugendlichen Kampfessers sind glücklich, den Jungen heil und lebend durch den Tag gebracht zu haben. Fütterung im 2-Stundentakt kennt man ja noch noch aus Säuglingstagen!
Ein gewisser Neid tritt jedoch auf, ist es nicht herrlich, ein paar Jahre in seinem Leben so große Mengen essen zu dürfen beziehungsweise zu müssen, das Wachstum der Knochen, Muskeln und Zellen braucht schließlich Energie. Der Stoffwechsel in diesem Alter ist ein wahres Kraftwerk, das energetische Höchstleistungen vollbringen muss. Nach der Pubertät ändert sich das leider alles, jedes einzelne Chip hinterlässt schwammige Spuren an Bauch und Oberschenkeln, Süßspeisen müssen mühsam abtrainiert werden mittels Joggen oder einer Stunde Zumba. Gerne erinnern wir uns noch an Zeiten, in denen wir nach ausgiebigen Diskothekenbesuchen um 3 Uhr morgens noch problemlos Ravioli aus der Dose oder drei bis vier Leberwurstbrote verdrücken konnten, und trotzdem noch entspannt Klamotten in Größe S shoppen konnten. Daher erfreuen wir uns am Appetit unseres Nachwuchses!
Morgen (und an allen weiteren Wochentagen auch) schnappt sich die Ernährerin wieder den XXL-Einkaufswagen im Supermarkt und bestückt ihn randvoll mit Lebensmitteln aller Art. Auf die Frage der Kassiererin angesichts der Warenmenge, welches Ereignis denn so groß gefeiert würde, antwortet sie nur verwundert, “keines, mein Sohn ist nur 14 und hat Hunger! Nachdem sie die Waren ins Auto und dann in die Küche geschleppt hat, kann sie aber stolz sein, mit dem körperlichen Einsatz dieses Einkaufs hat sie sicher das eine (!) Mon-Cherie von gestern Abend wieder abtrainiert. Beschwingt nimmt sie das 1,5-kg-Kartoffelnetz und beginnt mit der Zubereitung der Abendmahlzeit…

Text: Verena Schulze

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